Plüschow und Dreblow vor dem Wasserflugzeug Tsingtau

Kapitel 1

Gunther Plüschow

München 1886 — Brazo Rico 1931. Marineflieger, Patagonien-Pionier, Autor.

Gunther Plüschow war erst kaiserlicher Seekadett, dann Offizier, dann Flieger. Er war Gefangener, dann Geflohener, dann Forscher und Abenteurer. In dieser Reihenfolge.

Er floh aus China nach Amerika, durchquerte die Vereinigten Staaten, schiffte sich ein und wurde Englands Gefangener. 1915 flüchtete er als einziger deutscher Kriegsgefangener aus Großbritannien zurück nach Deutschland. Eine Anekdote, die er später in einem Bestseller verarbeitete, der über 700.000 Mal verkauft wurde.

Aber das, woran man sich heute erinnert, sind nicht die Donington-Hall-Kapitel. Es ist die Reise, von der er nicht mehr zurückkam.

Aus Tsingtau über die Welt

Plüschow wurde am 8. Februar 1886 in München geboren, in eine Familie mit dem mecklenburgischen Hochadel im weiteren Stammbaum — sein Großvater war ein unehelicher Sohn eines Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin. Sein Vater Eduard arbeitete als Journalist, sein Onkel Wilhelm Plüschow betrieb in Italien das Fotoatelier, das später als Guglielmo Plüschow weltberühmt werden sollte.

1914 war Gunther Plüschow als Marineflieger im deutschen Pachtgebiet Tsingtau (heute Qingdao) stationiert, als der Erste Weltkrieg ausbrach und japanische Truppen die Stadt belagerten. Er flog mit einer Rumpler-Taube tagelang über das Belagerungsgebiet — der einzige deutsche Pilot in Asien — bis er kurz vor der Kapitulation 1914 nach China entkam. Über Schanghai erreichte er San Francisco, wurde in Gibraltar verhaftet, kam im englischen Lager Donington Hall an. Von dort floh er. Über die Themse, über die Nordsee, in einen niederländischen Frachter geschmuggelt. 1915 wieder in Berlin.

Wer sich aus Donington Hall in einen niederländischen Frachter schmuggelt, dem ist das patagonische Eis kein Hindernis.

— Beobachtung der Manufaktur, biographisch zu Plüschow

Die Wendung nach Süden

1925 war der Krieg vorbei, das Kaiserreich auch, Plüschow Mitte vierzig. Er las Robert Falcon Scott, Roald Amundsen. Er erinnerte sich an ein Bild aus Feuerland, das er als Kadett in seinem Spind hängen hatte. Er wollte nach Patagonien. Er wollte zu „seinem Feuerland". Erst segelte er auf der Parma, einem großen Segelschiff der traditionsreichen Hamburger Reederei Laeisz. Dann bekam er ein eigenes Schiff: die Feuerland, gebaut 1927 in Büsum nach Plüschows Anforderungen — Eichenholz, übermäßig dimensioniert, gebaut für Eis. Im November 1927 lief sie aus.

1928 erreichte die Feuerland Punta Arenas an der Magellanstraße. Dort montierten Plüschow und sein Flugingenieur Ernst Dreblow ein Wasserflugzeug zusammen, das in Warnemünde von den Heinkel-Werken gebaut worden war: die HD 24 W mit der Kennung „Tsingtau D 1313". Plüschow nannte es den Silberkondor. Mit ihm überflog er drei Mal das patagonische Inlandeis und filmte, was vorher noch nie ein Mensch aus der Luft gesehen hatte.

Gunther Plüschow (links) und Ernst Dreblow vor dem Silberkondor, Patagonien, vermutlich 1929
Gunther Plüschow (links) und Ernst Dreblow vor dem Silberkondor, Patagonien, vermutlich 1929.

Der letzte Flug

Am 28. Januar 1931, knapp drei Stunden nach dem Start vom Lago Argentino, stürzte der Silberkondor an einem Ufer des Lago Rico ab — einem Seitenarm in der Nähe des Perito-Moreno-Gletschers. Plüschow und Dreblow konnten nur noch tot geborgen werden. Ihre sterblichen Überreste wurden nach Deutschland überführt. Tausende Menschen begleiteten den Trauerzug zur Beisetzung in Berlin.

Plüschow hinterließ einen Sohn, Guntolf, geboren 1918, und eine Witwe, Isot Plüschow. Sein Werk — drei Bücher, ein Dokumentarfilm, mehrere Tausend Meter Filmmaterial — fiel zunächst in die übliche Vergessens-Tröge der Zwischenkriegszeit. Erst Jahrzehnte später, durch das Engagement des Berliner Freundeskreises Gunther Plüschow unter Gerhard Ehlers und seiner Co-Administration in Buenos Aires, kam die Erinnerung zurück.

Absturzstelle am 28. Januar 1931 und dieselbe Stelle 95 Jahre danach im Januar 2026
Bildgegenüberstellung: die Absturzstelle am 28. Januar 1931 (links) und dieselbe Stelle am selben Tag 95 Jahre danach im Januar 2026 (rechts). Aus dem Archiv der Familie Schröppe.

Plüschow und die Manufaktur

Was hat das Holz seines Schiffs in einer norddeutschen Manufaktur zu suchen? Plüschow selbst hätte die Antwort vermutlich pragmatisch gegeben: ein Schiff, das gebaut wurde, um zu überleben, kann nach 98 Jahren auch zum Griff eines Messers werden, das überleben wird.

Die Manufaktur Moorschmied hat zur Person Plüschow eine biografische Linie, die nicht zufällig ist. Wolf-Dieter Schröppe, der Senior der heutigen Manufaktur Moorschmied, wurde in Buenos Aires geboren und ist selbst begeisterter Patagonien-Reisender. Sein eigener Vater hielt bereits in den 1970er Jahren in Argentinien einen Patagonien-Diavortrag mit Plüschow als Bezugspunkt. Und er war Zeuge der Übergabe der ersten Gedenktafel eines Singkreises unter Lothar Herold an die Jugendgruppe des Nerother Wandervogels, die 1962 das erste Denkmal nahe der Absturzstelle Plüschows baute. Mehr dazu auf der Seite Drei Generationen.