Kapitel 3

Deutschland, Patagonien

Drei Expeditionen 1927–1931. Erste Filmaufnahmen aus dem patagonischen Inlandeis. Plüschows letzter Flug am Brazo Rico.

Drei Reisen unternahm Plüschow zwischen 1927 und 1931 in die Tierra del Fuego. Die erste war eine Aufklärung. Die zweite eine systematische Filmexpedition. Die dritte überlebte er nicht. Was er aus diesen Reisen mitbrachte — Fotografien, Filmrollen, Tagebücher, Karten — bildet bis heute den Kern dessen, was deutschsprachige Patagonien-Forschung über die innere Eislandregion zwischen Lago Viedma und Kap Horn weiß. Dazu zählen erste Flugaufnahmen aus der argentinischen Fitz-Roy-Region, der chilenischen Paine-Region und dem Inlandeis bis zu den Gletschern und Fjorden Feuerlands, über der südlichsten Stadt Ushuaia und schließlich Kap Hoorn.

Die Route

Am 27. November 1927 verließ die Feuerland Büsum. Plüschow segelte über den Atlantik nach Süden, machte Zwischenstation in Bahia, in Rio de Janeiro, in Buenos Aires. In jeder dieser Städte traf er auf deutsche Siedler, sammelte Geld, traf Behörden. In Buenos Aires lebte zu dieser Zeit eine wachsende deutsche Diaspora — eine Tatsache, die später für die Manufaktur eine eigene Bedeutung bekommen würde.

Am 23. Oktober 1928 erreichte die Feuerland Punta Arenas an der Magellanstraße. Hier endete der Segelteil der Expedition. Die Feuerland diente nun als Basislager für die Flüge mit dem Silberkondor. Die Filmarbeit begann.

Tropische Küste auf der Atlantik-Etappe — Bahia, Rio, Buenos Aires waren Zwischenstationen. Aus Plüschows Originalfilm.
An Deck der Feuerland, ein Crew-Mitglied beobachtet die Wasserlinie. Atlantik-Überfahrt 1927/28.

Der Silberkondor steigt auf

In Punta Arenas montierten Plüschow und Dreblow ein Wasserflugzeug zusammen, das in Warnemünde von den Heinkel-Flugzeugwerken gebaut worden war: die HD 24 W, einmotorig, mit Aluminium-Schwimmern. Plüschow nannte sie den Silberkondor. Im Dezember 1928 begannen die Aufklärungsflüge über den Cordillera Darwin und das Inlandeis.

Die Bedingungen waren ungewöhnlich. Das Inlandeis liegt zwischen 0 und 1.500 Metern Höhe, der Wind kann auf 100 Knoten beschleunigen, die Wolkendecke schließt sich oft binnen Minuten. Plüschow flog ohne Funk, ohne moderne Navigation, mit Kompass und Sicht. Die Filmkamera war an der Seite des Flugzeugs montiert, und der Kopilot Ernst Dreblow filmte waghalsig mit der Handkamera. Das aufgenommene Material gehört zu den frühesten bewegten Bildern aus diesem Eisland.

Drei Reisen, zwei Filme — und eine Geschichte, die ohne dieses Schiff nicht denkbar wäre.

Vorbereitung einer Anlandung an der patagonischen Küste — die Crew bereitet das Beiboot. Aus Plüschows Originalfilm.
Forschungsalltag in den patagonischen Gewässern — die Expedition war Aufklärung und Wissenschaft zugleich.

Drei Reisen, zwei Filme

Gunther Plüschow unternahm seine erste Südamerika-Expedition 1925 an Bord der Viermastbark „Parma". Nach der Umrundung von Kap Hoorn ging er im chilenischen Valdivia von Bord. Von dort reiste er auf Land- und Seeweg weiter durch Chile, wo er im Paine-Massiv Freundschaft mit der Familie Lauezzari, den Verwaltern der Estancia Cerro Guido, schloss. Ihnen versprach er, wiederzukommen und die unbezwungenen Berge zu überfliegen.

Die Reise führte weiter durch Peru und Ecuador. Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er 1926 sein Buch „Segelfahrt ins Wunderland". Sein erster Film, den er auf dieser Expedition drehte, gilt bis heute als verschollen.

Mit dieser Vorbereitung, einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Thema und der Suche nach Sponsoren unternahm er nun seine zweite Expedition. Sie begann am 27. November 1927 in Büsum mit seinem Schiff Feuerland und wurde durch die Hinzuziehung seines Flugzeuges Silberkondor erweitert. Aus Bild-, Film- und Schriftmaterial entstand der Dokumentarfilm „Silberkondor über Feuerland", der 1929 in deutschen Lichtspielhäusern lief, sowie das gleichnamige Buch, das im Ullstein-Verlag erschien.

Plüschow hatte das Schiff Anfang 1929 verkauft, um die Rückreise zu finanzieren. Für die dritte Expedition kaufte er kein neues Schiff, sondern reiste mit Schifflinien, mietete Logistik vor Ort und baute den Silberkondor, der im chilenischen Puerto Natales im Frigorífico Bories in Kisten aufbewahrt war, wieder auf.

Brazo Rico, 28. Januar 1931

Seine letzten Flugrouten führten ihn über den Lago Argentino und den Lago Viedma. Bei einem dieser Flüge wurde der Doppeldecker in einen Bergsee, einen „Höllenkessel", geschleudert. „Es war fast ein Absturz." Zwei Tage später, am 28. Januar 1931, um 10 Uhr vormittags, schrieb er in sein Tagebuch: „Wir müssen jetzt starten! Will direkt durchfliegen zum Lager 2 am Lago Argentino. Ich will hier raus."

Der Start gelang. Nicht ganz drei Stunden später beobachteten Hirten einer Farm am Lago Rico, einem Arm des Lago Argentino, wie das Flugzeug etwa aus 300 Meter Höhe abstürzte. Der Apparat ging sich seitlich überschlagend nieder. Beide Insassen verunglückten tödlich. Ein provisorisches Grab wurde an Ort und Stelle errichtet. Nur Tage später wurden die sterblichen Überreste über Buenos Aires nach Deutschland überführt. Die Trauerfeier fand in Berlin statt.

Ernst Standhardt am provisorischen Grab Plüschows
1931. Ernst Standhardt am provisorischen Grab Plüschows, kurz nach dem Absturz.
Denkmal Brazo Rico, Aufnahme Benhorst Schröppe 1970
1970. Das Denkmal am Brazo Rico. Aufnahme von Benhorst Schröppe.

Vom provisorischen Grab 1931 zum eingeweihten Denkmal vier Jahrzehnte später. Aufnahmen aus dem Archiv der Familie Schröppe.

Was die Filme heute sind

Der Originalfilm „Silberkondor über Feuerland" überlebte den Zweiten Weltkrieg in deutschen Archiven. Er ist seit 2001 gemeinfrei — 70 Jahre nach Plüschows Tod. Die Manufaktur Moorschmied digitalisiert und restauriert das Material derzeit auf 4K-Auflösung. Die laufende Pipeline-Arbeit dokumentiert die Seite Plüschows Film 1928.

Plüschows drei Patagonien-Reisen brachten 1.500 Filmmeter, mehrere hundert Fotografien und drei Bücher hervor. Sie waren das umfangreichste deutsche Forschungsprogramm zur Tierra del Fuego im 20. Jahrhundert. Was davon heute trägt: das Holz, die Filme, das Erinnern.