Der Silberkondor vor dem Perito-Moreno-Gletscher am Lago Argentino, Januar 1931

Kapitel 8

Faszination Abenteurer Gunther Plüschow

Was sein Aufbruch uns heute sagen kann.

Abenteuer ist mehr als Gefahr

Es gibt Menschen, deren Leben nicht in geraden Linien verläuft, sondern wie eine Spur durch Eis, Sturm, Meer und Wolken. Gunther Plüschow gehört zu ihnen. Er war nicht nur Marineoffizier, nicht nur Flieger, nicht nur Forschungsreisender. Er war einer jener seltenen Menschen, die dem Unbekannten nicht auswichen, sondern gerade in ihm ihre Aufgabe fanden.

Die Faszination Plüschows liegt deshalb nicht in einer bloßen Lust am Risiko. Sie liegt in einer Haltung. Abenteuer ist hier kein Lärm, keine Pose und keine Verachtung des Lebens. Es ist die Bereitschaft, dem Leben mehr zuzutrauen als Bequemlichkeit. Der Abenteurer ist nicht der Mensch, der die Gefahr sucht, weil sie gefährlich ist; er ist der Mensch, der eine Aufgabe so ernst nimmt, dass er auch Gefahr nicht als letztes Argument gelten lässt.

In diesem Sinne steht Plüschow in jener geistigen Linie, die Fridtjof Nansen in seiner St.-Andrews-Rede beschwor: Der Mensch wächst nicht dadurch, dass er alles Unberechenbare meidet. Er wächst, wenn er sich von einer Aufgabe rufen lässt, die größer ist als seine Furcht.

Der Blick, der nicht bei der Karte stehenbleibt

Plüschows Faszination beginnt mit einer fast kindlichen, aber keineswegs kindischen Eigenschaft: Er wollte sehen. Nicht nur hören, nicht nur lesen, nicht nur auf Karten nachfahren, was andere schon vermessen hatten. Er wollte mit eigenen Augen sehen, wie die Erde aussieht, wo sie noch ungebändigt ist.

In Tsingtau wurde er als Flieger bekannt; später suchte er in Feuerland und Patagonien jene Landschaften auf, in denen Wind, Eis und Felsen noch mächtiger wirken als menschliche Pläne. Was ihn trieb, war nicht die Flucht aus der Wirklichkeit, sondern der Wunsch, tiefer in sie einzudringen.

Gerade darin berührt Plüschow uns heute. Wir leben in einer Zeit, in der beinahe alles sichtbar scheint: Satellitenbilder, Karten, Daten, Nachrichten, Meinungen. Und doch bleibt die entscheidende Frage: Sehen wir wirklich? Oder übernehmen wir nur die fertigen Bilder anderer? Plüschows Leben mahnt uns, Anschauung zu suchen: selber hinzusehen, selber zu prüfen, selber den Horizont zu erweitern.

Die Feuerland: Geduld vor dem Flug

Zu diesem Leben gehört nicht nur der Himmel, sondern auch das Schiff: die Feuerland. Sie war mehr als ein Fahrzeug. Sie war die hölzerne Brücke zwischen Europa und dem Ende der Welt, die schwimmende Schwelle, über die Plüschow in sein eigentliches Abenteuer trat.

Gerade die Feuerland macht deutlich, dass jeder kühne Aufbruch eine unscheinbare, geduldige Seite hat. Bevor geflogen werden konnte, musste ein Schiff gebaut, ausgerüstet, beladen, gesteuert, gewartet und durch schwere See gebracht werden. Die Feuerland war Werkstatt, Basis, Vorratskammer, Schutzhütte und Kamerad zugleich.

Sie steht damit für eine Wahrheit, die leicht vergessen wird: Kein wirklicher Höhenflug beginnt in der Luft. Er beginnt am Boden, in der Vorbereitung, im Handwerk, im Durchhalten. Die Feuerland war das langsame, beharrliche Element; der Silberkondor das kühne, aufsteigende. Erst zusammen ergeben sie das ganze Bild.

Die Feuerland in einem patagonischen Fjord
Das Expeditionsschiff Feuerland: Sinnbild der Vorbereitung, Geduld und tragenden Grundlage des Abenteuers.

Der Silberkondor: Höhe als neue Sicht

Als Plüschow mit seinem Flugzeug über Feuerland, über die Darwin-Kordillere, über Kap Hoorn und die gewaltigen Landschaften Patagoniens flog, brachte er nicht nur Nachrichten nach Europa zurück. Er brachte Bilder einer Welt, die in der Vorstellung vieler Menschen kaum existierte.

Der Flug bedeutete nicht bloß Geschwindigkeit. Er bedeutete eine neue Perspektive. Von oben wurden Zusammenhänge sichtbar, die am Boden verborgen blieben. Das Flugzeug war deshalb nicht nur ein technisches Gerät, sondern ein Instrument der Erkenntnis. Es half, die Welt anders zu sehen.

Auch das hat Gegenwartswert. Unsere Zeit ist reich an Einzelheiten und arm an Übersicht. Wir werden von Meldungen, Terminen und Reizen umstellt. Der Silberkondor erinnert daran, dass der Mensch gelegentlich Höhe gewinnen muss: Abstand, Sammlung, Überblick. Nicht um der Welt zu entfliehen, sondern um sie klarer zu erkennen.

Der Silberkondor — Plüschows Heinkel HD 24 W mit der Kennung D-1313 TSINGTAU
Der Silberkondor, Plüschows Heinkel-Wasserflugzeug D-1313 TSINGTAU: Symbol für den Blick über den Horizont.

Selbstzucht, Kameradschaft und Bewährung

Plüschows Weg zeigt auch, dass Abenteuer immer eine sittliche Seite hat. In Sturm, Kälte und technischer Unsicherheit zählt nicht, was einer von sich sagt, sondern was er wirklich vermag: Geduld, Nüchternheit, Mut, Kameradschaft, Geistesgegenwart.

Große Taten entstehen selten aus dem Augenblick allein. Sie wachsen aus Vorbereitung, aus Übung, aus jener stillen Selbstzucht, die einer sich erwirbt, lange bevor die Stunde der Bewährung kommt. Was der Körper im Training lernt, lernt auch der Geist im Leben: standhalten, Maß halten, weitergehen, wenn der Wind von vorn kommt.

Zugleich war Plüschow nicht allein. Ernst Dreblow, Mannschaft, Helfer, Werkstätten, Seeleute und viele unsichtbare Hände gehörten zu seinem Unternehmen. Auch das schützt vor falscher Heldenverehrung. Der Einzelne mag den Entschluss fassen, aber ein großes Werk braucht Gemeinschaft.

Gunther Plüschow, Ernst Dreblow und Schnauf in Patagonien
Plüschow, Ernst Dreblow und Schnauf in Patagonien: Erinnerung daran, dass Abenteuer auch Kameradschaft ist.

Der Wert für jeden von uns

Darum fasziniert Plüschow bis heute. Nicht, weil jede seiner Entscheidungen nachahmenswert wäre. Nicht, weil wir die Welt seiner Zeit ungebrochen verklären müssten. Sondern weil sein Leben eine Frage an uns richtet: Wo ist unser unbekanntes Land?

Für den einen liegt es tatsächlich in Eis, Gebirge oder Meer. Für den anderen liegt es in einer wissenschaftlichen Arbeit, in einem künstlerischen Werk, in einem Unternehmen, in der Verantwortung für Familie, Heimat oder Gemeinwesen, in einer inneren Wandlung, in einem Dienst an anderen Menschen. Das Abenteuer ist nicht an die Landkarte gebunden. Es ist eine Form des Ernstes.

In einer Zeit, die viel Sicherheit verspricht und doch viele Menschen innerlich unruhig macht, kann Plüschow helfen, den Begriff des Abenteuers neu zu fassen. Abenteuer heißt nicht: sich leichtfertig der Gefahr aussetzen. Abenteuer heißt: eine Aufgabe so ernst nehmen, dass man bereit ist, sich selbst zu verändern.

Aufbruch ohne Flucht

Der wahre Aufbruch ist keine Flucht vor dem eigenen Leben. Er ist eine Vertiefung des Lebens. Wer aufbricht, verlässt nicht die Wirklichkeit; er sucht sie. Wer hinausgeht, tut es nicht, weil ihm das Leben zu eng geworden ist, sondern weil er spürt, dass es größer ist, als die Gewohnheit behauptet.

So bleibt von Plüschow nicht nur das Bild des Flugzeugs über Feuerland, nicht nur der Silberkondor über Eis und Sturm. Es bleibt auch das Bild der kleinen, starken Feuerland, die durch Wellen und Kälte den Weg bereitete. Schiff und Flugzeug, Meer und Himmel, Geduld und Kühnheit: In dieser Verbindung liegt das Geheimnis seines Abenteuers.

Vielleicht ist genau das die seltenste Form des Mutes: nicht zu wissen, was kommt, und doch aufzubrechen — nicht aus Übermut, sondern weil man spürt, dass der Mensch nur dort ganz lebendig wird, wo er einer größeren Aufgabe dient.

„Jeder Mensch braucht ein eigenes Feuerland."

Eine Aufgabe, die ihn aus der Bequemlichkeit ruft, aber nicht aus der Verantwortung entlässt.