Kapitel 2
Die Feuerland
Eine Ketsch aus 8 Zentimeter starkem Eichenholz. 16,20 Meter lang. 98 Jahre auf dem Wasser.
Auf der Werft Krämer, Vagt und Beckmann in Büsum lief am Morgen des 27. November 1927 ein Schiff vom Stapel, das nicht für die Nordsee gebaut war. 16,20 Meter Länge, 4,88 Meter Breite, 1,90 Meter Tiefgang. Eine zweimastige Ketsch — also ein Segelschiff mit Großmast voraus und einem kleineren Besan-Mast hinten. Der Auftraggeber kannte die Stürme, in die sein Schiff fahren würde. Er hatte sich die Konstruktion mehrfach überdimensionieren lassen.
Konstruktion
Die Beplankung am Wasserpass — also dort, wo das Schiff am häufigsten auf Eis und treibendes Holz traf — maß acht Zentimeter Stärke. Bei einem Fischkutter dieser Größe wären drei oder vier üblich gewesen. Die Spanten standen alle 55 Zentimeter, eng wie bei einem Eisbrecher der frühen Zwanzigerjahre. Eine Innenverkleidung und kräftige Stringer gaben dem Rumpf zusätzliche Steifigkeit.
Das Material: Eichenholz für Rumpf und Spanten, Pechkiefer für das Deck. Beides Hölzer, die salzwasserresistent sind und sich bei Feuchtigkeit eher zusammenziehen als verziehen. Das Schiff war so gebaut, dass es Plüschows Eis-Routen vor Tierra del Fuego überleben sollte.
Büsum – Punta Arenas
Am 27. November 1927 stach die Feuerland in See. Plüschow und seine Crew steuerten Punta Arenas an, am Eingang zur Magellanstraße. Sie erreichten den Hafen 1928. Was dann folgte, beschreibt die Seite Deutschland, Patagonien im Detail. Hier zur Schiffsgeschichte zurück: 1929, nach Plüschows zweiter Expedition, war das Geld erschöpft. Plüschow verkaufte das Schiff, um Treibstoff und Rückreise zu bezahlen.
„Penelope" — die zweite Identität
Käufer war ein englischer Schafzüchter mit Besitzungen in Argentinien, Chile und auf den Falkland-Inseln. Er taufte das Schiff um — auf den Vornamen seiner Tochter: Penelope. Was Plüschow als Eis-Forschungsschiff gebaut hatte, wurde zum Versorgungs-Boot für entlegene Schaf-Stationen. Eine zweite Karriere unter britischer Flagge.
1946 kaufte die Falkland-Regierung die Penelope. 1968 ging sie an die Falkland Island Company, die sie bis 1982 fuhr. In diesem Jahr wurde sie von der argentinischen Marine eingezogen — der Falkland-Krieg hatte begonnen. Sie transportierte Truppen und Treibstoff. Mehr dazu auf der Seite Drei Generationen.
Das Schiff war Plüschows letzter genauer Plan. Was nach ihm kam, war Geschichte, nicht mehr Konstruktion.
2003 — der Zufall
2003 fuhr ein Hamburger Kapitän namens Bernd Buchner als Navigationsoffizier auf einem kleinen Expeditionskreuzfahrtschiff durch die Falkland-Inseln. Er sah ein Holzschiff, das ihn an Beschreibungen aus Plüschow-Büchern erinnerte. Es war es. Buchner kaufte das Schiff zurück nach Deutschland.
Beim Slippen in einer kleinen Werft prüfte Buchner die Eichenbeplankung. Trotz fünfundsiebzig Jahren Salzwasser und mehrerer Eigentümerwechsel war das Holz unter der Wasserlinie in erstaunlich gutem Zustand. Nur einzelne Plankenstöße mussten neu verkalfatert werden. Buchner beschloss, das Schiff aus eigener Kraft heimzusegeln.
2006 — Heimkehr nach Büsum
Im April 2006, mit fünf Freiwilligen an Bord, segelte die Feuerland von den Falklands nach Büsum. 79 Jahre nach ihrem Stapellauf. Die Reise dauerte mehrere Wochen. Im Juli 2006 gründete sich in Büsum der Förderkreis Expeditionsschiff Feuerland e. V. — ein Verein, der das Schiff in Pflege nahm und seine Restaurierung vorbereitete.
Zeitleiste
98 Jahre auf dem Wasser
2007–2025 — der lange Weg ins Ende
2007 begann die eigentliche Restaurierung in Hamburg-Harburg. Über mehrere Jahre wurden Beplankung und Spanten ausgebessert, Mast-Hardware ersetzt, Decks-Hölzer erneuert. 2018 wechselte das Schiff zur Museumswerft Flensburg. Dort kam ein nüchterner Befund: ein vollständiger Neuaufbau wäre nötig, um das Schiff wieder seetauglich zu machen. Die Mittel dafür waren nicht da.
Im August 2025 wurde die Feuerland in Flensburg vollständig abgewrackt. Teile der Eichenbeplankung blieben als Restbestände in der Museumswerft erhalten. Eine Lastwagenladung dieser Stücke übernahm die Manufaktur Moorschmied. Das Holz lagert heute in ihren Werkstätten und bildet den Ausgangspunkt für die weitere Arbeit, die die Seite Übernahme dokumentiert.
98 Jahre auf dem Wasser — die längste Karriere, die ein deutsches Holz-Expeditionsschiff dieser Größenklasse je hatte. Die Feuerland war länger eine Penelope als eine Feuerland. Sie diente unter britischer und argentinischer Flagge mehr als doppelt so lange wie unter deutscher.